Wenn wir uns mit Toleranz zufriedengeben, sind wir gescheitert…
Es gibt diesen einen Moment, den ich nicht vergessen werde…
Es gibt diesen einen Moment, den ich nicht vergesse. Eine Schule in Norddeutschland. Wir sind mit Cross The Line vor Ort. Schon vor dem Workshop hatte ich es aufgeschnappt – hinter vorgehaltener Hand, beim Kaffee, in Nebensätzen. Über den neunten Jahrgang. „Troublemaker. Nicht mehr erreichbar. Aufgegeben."
Es hat mich traurig gemacht, als ich das hörte. Mehr als traurig, ich war auch wütend.
Und meine innere Stimme sagte, jetzt erst recht: „Dieser Jahrgang macht Cross The Line."
Am Ende eines Workshop-Tages gibt es das, was wir den „Speak Out" nennen. Wir öffnen das Mikrofon. Jeder darf sprechen – Schülerinnen, Schüler, Lehrkräfte – freiwillig, ohne Vorgabe, ohne Drehbuch.
Eine junge Frau steht auf – nennen wir sie Lena. Vielleicht vierzehn. Ein Raunen geht durch die Turnhalle. Die Mitschüler:innen kennen sie gut. Sie geht nach vorne, hält das Mikrofon einen Moment in der Hand, als müsse sie sich selbst erst sortieren. Dann sagt sie, sinngemäß:
„Ich weiß, dass ich hier an der Schule viel Stress verursacht habe. Das tut mir leid. Ich möchte mich entschuldigen – bei allen, die ich verletzt habe."
Pause.
„Und ich möchte mich bedanken. Bei den Lehrerinnen und Lehrern, die trotzdem für uns da waren. Die jeden Tag im Klassenraum stehen. Bei denen wir immer ein offenes Ohr gefunden haben – auch wenn wir nicht die einfachsten Schüler waren."
Wieder eine Pause.
„In einem halben Jahr mache ich meinen Abschluss. Und meine größte Angst ist nicht die Prüfung. Meine größte Angst ist, dass ich danach nicht mehr hierher zurückkommen kann. Dass ich diese Gemeinschaft verliere."
Die Turnhalle war mucksmäuschen still.
Der stellvertretende Schulleiter sagte später in einem Zeitungsinterview: „Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Jahrgang überhaupt noch emotional erreichbar ist."
Aber er war erreichbar. Er war es die ganze Zeit gewesen. Es hatte nur niemand mehr daran geglaubt.
Etwas verschiebt sich in solchen Momenten. Nicht, weil die Toleranz gewachsen wäre. Sondern weil etwas darunter sichtbar wird, das vorher zugedeckt war.
Davon will ich in diesem Blog erzählen.
Toleranz ist nicht das Ziel. Sie ist der Mindestlohn
Was an diesem Tag in der Turnhalle geschah, war nicht Toleranz. Es war etwas viel Größeres. Und doch sprechen wir, wenn es um Gesellschaft, Schule und Zusammenleben geht, fast immer nur über Toleranz. Sie hat heute den Status eines Spitzenwerts. Man fordert sie ein, man rühmt sich ihrer, man wirft sie anderen an den Kopf. Wer tolerant ist, hat Anstand. Wer es nicht ist, gilt als der eigentliche Skandal.
Und doch nagt etwas an dieser Idee.
Stellen Sie sich vor, ein Kind kommt nach Hause und sagt: „Mama, in meiner Klasse werde ich toleriert." Würden Sie das als gute Nachricht verstehen? Eben.
Toleriert zu werden ist nicht das, wofür wir leben. Es ist das, womit wir uns gerade noch zufriedengeben. In einem amerikanischen Blog habe ich vor Jahren diesen Satz gelesen, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht:
„Vielleicht wird Toleranz so laut gepredigt, weil wir an der Liebe so kläglich gescheitert sind."
Toleranz ist nicht das Höchste, was wir einander geben können. Sie ist der Notfallplan für den Fall, dass uns nichts Besseres einfällt.
Die Idee, die uns trägt
Uns fällt etwas Besseres ein. Und nicht erst seit gestern. Cross The Line Deutschland ist Teil einer internationalen Bewegung, die vor mehr als dreißig Jahren in Kalifornien begann – mit einer Frage, die sich zwei Menschen Ende der achtziger Jahre stellten: Was wäre, wenn jedes Kind in seiner Schule sich sicher, geliebt und gefeiert fühlen würde? Nicht geduldet. Nicht toleriert. Wirklich gefeiert! Die beiden sind Yvonne und Rich Dutra-St. John.
Das war damals und heute kein frommer Wunsch. Es ist ein nüchterner Maßstab. Yvonne und Rich haben aus dieser Frage über Jahrzehnte ein erfahrungsbasiertes Workshop-Format entwickelt. Ein Tag, an dem junge Menschen unter angeleiteter Begleitung etwas erleben können, was ihnen im Alltag oft fehlt:
Dass man hinter all den Rollen, Posen und Schutzschichten einander tatsächlich begegnen kann.
Aus ihrer Arbeit wurde Challenge Day in den USA. Später Over de Streep in den Niederlanden und Belgien. Was wir mit Cross The Line tun, ist diese ursprüngliche Idee nach Deutschland zu bringen – mit allem, was sie ausmacht, und in einer Sprache, die hier ankommt.
Was uns alle verbindet, steht in einem einzigen Satz der Gründer:innen:
„Wenn wir uns mit Toleranz zufrieden geben, sind wir gescheitert. Unser Ziel ist Liebe."
Daraus leiten wir ab, was wir tun.

Der Unterschied, der den Unterschied macht
Aber worin besteht der Unterschied eigentlich? Toleranz und Liebe sind nicht zwei Stufen auf derselben Treppe. Sie sind zwei verschiedene Haltungen.
Toleranz sagt: „Wir sind unterschiedlicher Meinung, aber das spielt keine Rolle."
Liebe sagt: „Wir sind unterschiedlicher Meinung, und es spielt sehr wohl eine Rolle – und trotzdem bleibe ich da."
Toleranz neutralisiert den Konflikt, indem sie ihn entkernt. Sie verhindert Diskurs, indem sie das, was zählt, für unwichtig erklärt. Das ist bequem. Aber es ist auch eine Form, einander loszuwerden, ohne sich zu trennen.
Liebe macht das Gegenteil. Sie nimmt den Konflikt ernst und lässt den Menschen trotzdem nicht fallen. Sie ist anstrengender. Aber sie hält.
Eine Leserin schrieb dazu sinngemäß: „Der Moment, in dem ich überhaupt die Wahl habe, tolerant zu sein, ist per Definition der Moment, in dem ich mit dem, was du tust, eben nicht einverstanden bin. Echte Toleranz ist deshalb fast schon ein Akt aufopfernder Liebe – kein 'alles cool, alles gut'."
Wer das einmal verstanden hat, schaut mit anderen Augen auf Toleranz.
Wer für nichts steht, hält letztlich nichts aus
Es gibt ein altes Prinzip, das diese Logik auf den Punkt bringt: Wer für etwas steht, ist im Innersten kompromisslos (intolerant) – weil er an etwas glaubt. Im Umgang aber großzügig (tolerant) – weil er liebt. Wer für nichts steht, wirkt nach außen großzügig – weil ihm alles gleich ist. Aber sobald es ernst wird, schlägt er hart zu – weil ihm die Liebe fehlt, die das aushält.
Stellen Sie sich einen Baum vor. Tiefe Wurzeln, fester Stamm. Er hält Stürmen stand und spendet trotzdem Schatten – auch den Wanderern, die er nicht kennt. Und jetzt ein Fähnchen im Wind. Es dreht sich, je nachdem woher es weht. Es hält gar nichts – weder sich noch andere. Im sanften Lüftchen wirkt es heiter. Im Sturm zeigt es nur noch an, woher der nächste Schlag kommt.
Das ist der Unterschied zwischen einem Menschen mit innerem Halt und einem ohne. Der eine kann sich Großzügigkeit leisten, weil er nicht fallen wird. Der andere ist im Frieden weich und im Ernstfall gefährlich – weil ihn nichts trägt.
Wer also auf „Toleranz" allein setzt, ohne darunter eine tragende Haltung zu haben, baut auf Sand.
Was wir eigentlich meinen, wenn wir Liebe sagen
Eine tragende Haltung also. Was aber, wenn schon das Wort, mit dem ich diese Haltung am liebsten benenne, selber schwer trägt? Liebe.
Es wirkt in den falschen Kontexten kitschig, in den richtigen sehr ernst, und in der Schulturnhalle ist es oft schlicht überfordert. Wenn wir bei Cross The Line von Liebe sprechen, meinen wir nicht Romantik, Schwärmerei und schon gar nicht Sexualität. Und auch nicht das pauschale „sei lieb zu jedem".
Wir meinen eigentlich etwas Schlichteres: Verbindung.
Liebe in unserem Sinn heißt: Ich sehe dich. Ich bin mit dir in Kontakt. Du bist mir nicht egal. Es ist eine Haltung der Anwesenheit. Eine Bereitschaft, das Eigene kurz beiseitezulegen und dem anderen wirklich zu begegnen – als dem, was er im Kern ist, nicht als dem, was er gerade tut.
In jedem Menschen, hinter allem Verhalten, hinter allen Schutzschichten, ist etwas „Ganzes". Ein reines Wesen, das durch nichts beschädigt werden kann. Manche nennen es Seele, manche das Selbst, manche einfach den Kern. Verbindung heißt: dieses Wesen im anderen anzuerkennen, auch wenn das, was im Außen passiert, gerade unerträglich ist.
Symptome behandeln reicht nicht
Genau diese Verbindung scheint heute überall zu fehlen. Wenn wir auf die Welt schauen – auf Mobbing in Klassenchats, auf zunehmende Vereinsamung, auf Polarisierung in jeder Talkshow, auf junge Menschen, die sich selbst verletzen, weil sie sich nicht mehr spüren – dann sehen wir Symptome.
Das Grundproblem darunter ist fast immer dasselbe: Verbindungsverlust.
Es ist wie mit einem Fieber. Sie können Tabletten geben, kalte Tücher auflegen, die Temperatur sinkt für ein paar Stunden. Aber wenn Sie nicht herausfinden, was den Körper angreift, kommt das Fieber wieder. Und wieder.
Anti-Mobbing-Plakate, Verhaltensregeln, Sanktionen – alles richtig, alles wichtig, alles wirkungslos, solange darunter keine Verbindung wächst. Wir behandeln das Fieber und übersehen die Infektion. Der Erreger heißt Trennung: Trennung von sich selbst, von anderen, von einem Sinn, der größer ist als das nächste Reel.
Erst wenn Verbindung zurückkehrt, sinkt das Fieber nachhaltig.

Wenn Toleranz an ihre Grenze kommt
Und jetzt wird es ehrlicherweise etwas kompliziert.
Denn natürlich ist auch Verbindung nicht alles. Es gibt Verhalten, das man nicht tolerieren kann. Wenn Gewalt geschieht, wenn jemand systematisch verletzt wird, wenn Grenzen überrollt werden – dann ist Wegsehen keine Tugend, sondern Mitschuld.
Karl Popper hat das in einem berühmten Gedanken auf den Punkt gebracht: Wer alles toleriert – auch jene, die die Toleranz selbst zerstören wollen – schafft die Toleranz am Ende ab.
Ein Haus, in das jeder hinein darf, auch der, der die Wände einreißen will, ist irgendwann kein Haus mehr.
Auch wir bei Cross The Line tolerieren bestimmte Dinge nicht. Wir greifen ein. Wir benennen Gewalt. Wir setzen klare Grenzen. Das ist unbequem und wichtig.
Aber – und das ist die entscheidende Zugabe – wir tun das aus Verbindung heraus, nicht aus Distanz. Wir lehnen das Verhalten ab, ohne den Menschen aufzugeben. Denn das ist die paradoxe Wahrheit: Wer einen Jugendlichen, der gerade andere verletzt, nur sanktioniert und nicht mehr sieht, vergrößert das Problem. Friede kehrt nicht zurück, indem wir Mauern hochziehen. Er kehrt zurück über die schmale Tür der Verbindung.
Das ist die schmerzhafte Konsequenz: Gerade dem, dessen Verhalten am unerträglichsten ist, müssen wir am ehesten begegnen.
Die Quelle ist nicht versiegt – nur verschüttet
Hier kommt die Stelle, an der wir uns selbst korrigieren müssen.
Wir reden so, als müssten wir Verbindung in die Welt bringen. Als sei sie eine Substanz, die wir mit Workshops, Übungen, gutem Willen herstellen. Aber das stimmt nicht ganz.
Verbindung ist schon da. Jeder Mensch wird verbunden geboren – mit sich, mit anderen, mit etwas Größerem. Was wir im Laufe des Lebens lernen, ist nicht die Verbindung, sondern die Trennung. Wir lernen Schutzmechanismen. Wir lernen unvorteilhafte Rollen. Wir lernen, hinter Kapuzen zu verschwinden.
Stellen Sie sich eine Quelle vor, die nie versiegt ist. Mit den Jahren legt sich Laub darüber, dann Erde, dann ein Stein. Irgendwann wirkt der Boden trocken. Aber die Quelle ist da. Sie wartet nur darauf, dass jemand den Stein anhebt.
Was Lena bei jenem Speak Out gesagt hat, war keine neue Wahrheit. Es war ein Wiedererkennen. Etwas, das die ganze Zeit da war, durfte sich kurz zeigen.
Unsere Arbeit besteht deshalb gar nicht darin, Verbindung zu schaffen. Und auch nicht darin, fremde Steine zu lupfen. Wir öffnen Räume und zeigen Wege zur eigenen Quelle, gehen ein Stück mit und treten im entscheidenden Moment zurück, denn Heben dürfen die Menschen ihren Stein selbst – wann und wie, bestimmen sie allein.
Ein Tag in unserem Cross The Line Workshop
Wie das aussieht, wenn ein Stein sich hebt? Wahrscheinlich anders, als Sie denken. Wenn Sie uns an einem Workshop-Tag begleiten, werden Sie nicht sehen, wie wir Opfer stärken und Täter verurteilen. Wir arbeiten keine Liste mit „Werten" ab.
Sie werden eine Gruppe von jungen Menschen sehen, die einen Tag lang das Risiko eingehen, sich zu zeigen. Mit einem einzigen Satz. Mit einer einzigen Geste. Mit einer Linie auf dem Boden, die jeder überschreiten kann.
Und Sie werden sehen, was passiert, wenn Toleranz nicht mehr nötig ist – weil etwas Tieferes Raum eingenommen hat.
Wir setzen auf Liebe statt auf Toleranz.
Und wenn Ihnen das Wort zu groß ist, dann sagen Sie ruhig Verbindung. Es ist dasselbe.

Cross The Line Deutschland steht noch am Anfang. Wir wachsen gemeinsam mit Menschen, die uns unterstützen.
Drei Wege, das zu tun:
Sie möchten uns finanziell unterstützen. Jeder Workshop kostet Geld – Räume, Material, die Ausbildung neuer Trainer:innen, die Begleitung vor Ort. Spenden machen unsere Arbeit erst möglich. Melden Sie sich bei mir…
Sie arbeiten an einer Schule und möchten, dass Cross The Line bei Ihnen stattfindet. Ein Workshop-Tag bewirkt oft mehr als Wochen pädagogischer Vorarbeit. Schreiben Sie mir – wir schauen gemeinsam, wie und wann ein Termin an Ihrer Schule möglich wäre.
Sie möchten selbst Teil dieser Arbeit werden. Wir bilden regelmäßig neue Workshop-Begleiter:innen aus…
Mit Dank an
Yvonne und Rich Dutra-St. John, Gründer:innen von Challenge Day und unserer internationalen Schwesterprogramme.
Linda Wightman für den Satz über die Liebe, an der wir gescheitert sind.
Karl Popper für das Toleranz-Paradox.
Réginald Garrigou-Lagrange für das alte Prinzip über Stehen und Halten.
Internal Family Systems (Richard C. Schwartz) für die Idee vom unverletzten Kern.
Und allen Menschen, mit denen wir je in einem Stuhlkreis saßen.